An die Kolleginnen und Kollegen der Freien Künste
(Gastbeitrag)
Am 29. und 30. Januar 2010 beteiligen sich viele Künstlerinnen und Künstler an der 24-Stunden-Protestveranstaltung der Wuppertaler Bühnen gegen die beabsichtigte Schließung des Schauspielhauses. Mehrere Theater aus ganz NRW erklärten ihre Solidarität und unterstützen den Protest.
Im Schatten dieser bundesweit bekannt gewordenen Entscheidung zur Haushaltskonsolidierung in Wuppertal vollzieht sich ein bisher nicht wahrgenommener und in Deutschland nie vorgekommener Kahlschlag der Freien Kulturszene, der ein sinnvolles und perspektivisches Arbeiten für viele Künstlerinnen und Künstler in dieser Stadt verunmöglicht. Die Freie Szene, die in manchen Bereichen der Kunst seit Jahrzehnten dieser Stadt ein Gesicht verleiht und überregional - zum Teil weltweit - Beachtung findet, muss diese politischen Entscheidungen als zusätzlichen Affront erleben.
Als freie Künstlerinnen und Künstler leben viele bereits an der Existenzgrenze. Die unverhältnismäßigen Kürzungen im Bereich freier Kunst angesichts einer bereits heute völlig unzureichenden finanziellen Ausstattung des Kulturbüros im Vergleich zu anderen Großstädten ist ein signifikantes Beispiel für die Kurzsichtigkeit und Phantasielosigkeit der Verantwortlichen in dieser Stadt (Argumentationshilfe s.u.). Wo sich heute noch die Freie Szene mit dem etablierten Theater gegen die Schließung des Schauspielhauses solidarisiert, werden die brutalen Kürzungen im freien Bereich (siehe auch „Kultur und Schule“), die heute schon Realität sind, logischerweise dazu führen, dass dem öffentlichen Theater das Nachwachsen von ganzen Zuschauergenerationen wegbricht. So wird es bald nicht mehr um den Erhalt des Schauspielhauses, sondern um die Legitimation von Kunst (und damit auch sog. Hochkultur) überhaupt gehen. Jede Künstlerin / jeder Künstler, der etwas zu sagen hat und noch etwas erreichen möchte, kann nur das „untergehende Schiff“ verlassen. Wuppertal beerdigt sich mit solchen und ähnlichen Entscheidungen selbst – als Kultur-, als Wirtschafts- und als Lebensstandort.
WORUM ES GEHT: MITTELKÜRZUNGEN FREIE KULTUR
Im Haushaltssicherungskonzept der Stadt Wuppertal ist vorgesehen, dass die Mittel zur Förderung der freien Kultur-Szene bereits ab dem Jahr 2010 von 230.000 Euro um 70.000 Euro auf 160.000 Euro pro Jahr gekürzt werden. Ab 2011 werden die Ausgaben für die institutionelle Förderung kultureller Einrichtungen zusätzlich von ca. 268.000 € um 80.000 € reduziert. Darüber hinaus gelten auch 2010 im Rahmen der vorläufigen Haushaltführung in der Verwaltung interne Bewirtschaftungsregeln: Sachmittelbudgets werden in der Regel nur zu 50% freigegeben. Für das Budget zur Förderung freier Kulturprojekte würde dies faktisch eine Reduzierung auf ca. 80.000 Euro(!) bedeuten. Viele der bisher vom Kulturbüro geförderten freien Projekte sind daher massiv gefährdet. Das vom Rat selbst beauftragte und noch im letzten Jahr verabschiedete „Kommunale Handlungskonzept Interkultur“ kann bereits ab sofort nicht umgesetzt werden. Der Anspruch, eine internationale Stadt mit der gewollten Sichtbarkeit und Integration ihrer unterschiedlichen Kulturen sein zu wollen, hat sich in nur einem Jahr verflüchtigt. Da von den verbleibenden 80.000 Euro ca. 40.000 Euro als Eigenanteil der Stadt für Kulturfördermittel des Landes NRW vorgehalten werden müssen (u.a. Landesprogramm „Kultur und Schule“), könnten nur noch maximal 40.000 Euro an die gesamte Freie Kulturszene (Musik, freie Tanz- und Theaterprojekte, Literatur, bildende Künste usw.) verteilt werden. Sollte sich die Verwaltung entscheiden, dass sich Wuppertal aufgrund dieser Situation nicht mehr an den Programmen der Kulturförderung des Landes NW beteiligen kann, würden Fördergelder in Höhe von mehr als 300.000 Euro nicht mehr nach Wuppertal fließen. Im Ergebnis bedeuten die Maßnahmen zur Haushaltkonsolidierung, dass der freien Kultur-Szene pro Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr als 400.000 Euro Fördermittel direkt oder indirekt entzogen sind. Die öffentliche Förderung der Freien Kulturszene in Wuppertal verschwindet damit bis zur Unkenntlichkeit, und das Kulturbüro muss sich der Frage seiner Auflösung stellen.
Argumentationshilfen:
Dass eine attraktive Kulturlandschaft ein Wirtschaftsfaktor ist, muss nicht mehr erklärt werden. Dass aber gerade die Freie Kulturszene unverhältnismäßig effizient mit investierten Geldern arbeitet, scheint weniger bekannt zu sein. So wurden mit den 160.000 Euro, die im Jahr 2009 nur noch zur Verteilung kamen, Kulturveranstaltungen mit mehr als 60.000 Besucherinnen und Besuchern gefördert. Die Investition dieser wenigen Mittel hat unvergleichbar mehr finanzielle Mittel generiert und in dieser Stadt gebunden. Das durch die Entscheidungen wahrscheinliche Auslaufen des Landesprogramms „Kultur und Schule“ unterläuft die in NRW gewollte Nachwuchsförderung in Wuppertal. Der Wegfall der öffentlichen Förderungen wird den „Markt“ der privaten Sponsoren für alle Künstlerinnen, Künstler und Institutionen noch enger machen.
Der Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal Peter Jung will die Freie Szene am 16.03.2010 um 19 Uhr zum dritten Mal zu einem Gespräch einladen. Wir wollen uns vor diesem Termin ohne städtische Anteilnahme austauschen und uns eine Meinung über die angezeigte Situation und mögliche Reaktionen bilden. Deswegen laden wir alle Betroffenen, Künstlerinnen und Künstler sowie Institutionsvertreter am 4. März 2010 um 19 30 Uhr in die Alte Feuerwache (Wagenhalle) ein.
Aufruf von:
Andy Dino Iussa - Olaf Reitz - Erhard Ufermann
1 Responses to “Einsparung der Freien Kulturszene in Wuppertal”
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